Warum Mathe so schwer ist ?

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Non vitae, sed scholae discimus sagte Seneca, („Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“) ist ein Seneca-Zitat (epistulae morales ad Lucilium 106, 11–12, ca. 62 n.Chr.), in dem er seine Kritik an den römischen Philosophenschulen seiner Zeit äußert.

(Zitat aus Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Non_vitae,_sed_scholae_discimus)

Tatsächlich, jedes System, das an und für sich gut gemeint ist, endet mit einem in sich geschlossenen System und hat wenig Bezug bzw. Realität zu anderen Systemen.

So ein „Stiefkind“ ist auch die Mathematik.

Bis jetzt habe ich auf meine Frage „Wie geht es mit dem Lernen/mit der Schule?“ immer prompt die Antwort erhalten „Gut, nur mit der Mathematik hapert es“.

Mathe ist der Schreck der Schule und der Ausbildung. Mathe ist – so wie die Schule sie vermittelt – ein in sich geschlossenes System mit anscheinend keinem Bezug zur Welt, in der wir leben.

Ich habe selbst jahrelang Nachhilfe in Mathe gehabt, habe in Wirklichkeit all meine Mathe- Prüfungen nur mit Nachhilfe geschafft – auch auf der Uni. Ich war selbst kein Mathe-Genie und alle haben sich gewundert, wieso ich Naturwissenschaften – die auf Mathe basieren – so gut verstehe und komplizierte Vorgänge mit Leichtigkeit ausrechne, obwohl ich nicht gut in Mathe bin.

In einem Schulversuch meiner Tochter, die Merkmale eines angehenden Mathe-Genies zeigte, kam doch der Beschluss, sie sei nicht gut in Mathe und tatsächlich, ihre Genie-Merkmale sind verschwunden und sobald das Wort „Mathe“ kommt, klickt es bei ihr auf „uff, schwer im Kopf“ und plötzlich ist es schwer.

Warum ist das so? Wie kann man das ändern? Bei mir hat sich da was verändert. Eines Tages traf ich ein echtes Mathe-Genie. Dieser Mann konnte in Sekundenschnelle komplizierte Rechnungen in den vier Grundrechenarten lösen, und das alles nur durch Kopfrechnen. Als er hörte, dass ich Informatik studierte, kam er mit Begeisterung auf mich zu, in der Annahme, dass ich Mathematik genauso leidenschaftlich liebte wie er. Durch ihn habe ich das Schöne an der Mathematik entdeckt, er war frei von der ganzen Last der Schulmathematik, er hatte echt Spaß, Dinge zu berechnen und die Schönheit der Mathematik zu betrachten. Von den Grundrechenarten sprang er zu komplizierten Gaußschen Funktionen, zu Reihen, die ich nur auf der Uni gelernt habe und er kapierte, warum das so war, warum das notwendig ist.

Durch diese Begegnung hat es bei mir dann irgendwann „klick“ gemacht und ich verstand plötzlich das Warum, ich verstand die Zusammenhänge und konnte einen Sinn für Mathe erfahren. Es war wie eine andere Welt.

Mathe hat einen Zweck; es ist die Grundlage, auf dem alles Physische, alles Materielle aufgebaut ist. In der Bibel steht, dass Gott die Welt mit Weisheit gebaut hat. Ich wage es zu behaupten, dass diese Weisheit Mathematik ist. Alle Sprüche sind voll von Ratschlägen, Weisheit zu erlangen und sie zu befolgen.

Mathe ist möglicherweise die wichtigste Disziplin des Lebens.

Ich möchte euch noch von einer Begegnung erzählen: Ich traf eine betagte Frau, die Analphabetin war. Als sie im Schulalter war, gab es gerade Krieg. Die Schulen waren geschlossen. Nach dem Krieg war sie schon groß genug, um auf der Familienfarm zu arbeiten. Da es damals an Arbeitskräften mangelte, wurde sie dort eingebunden und hat nie lesen gelernt. Dafür hat sie aber die Geschäfte ihrer Familie nach dem Tod der Eltern weitergeführt. Sie hat auch als Angestellte gearbeitet, und jetzt ist sie in Pension. Mir ist bei ihr aufgefallen, dass sie sehr gut rechnen konnte. Sie konnte Geld lesen, die Zahlen lesen und sie hat alles ohne Schwierigkeiten nachrechnen können. Sie war keinen Tag in der Schule und sie konnte auch keine Buchstaben lesen. Das war für sie nie ein Hindernis, rechnen zu können.

Mathe ist nicht schwer. Jeder kann das, sogar jemand, der nicht einmal lesen gelernt hat.

Wir Menschen kennen Grundlagen der Mathematik, ohne Mathe zu lernen. Ein Kind, das die Zahlen kennt, fängt irgendwann an, mit diesen Zahlen zu spielen und addiert, subtrahiert, ohne zu wissen, dass das, was er tut, so heißt. Genauso spricht das Kind ohne zu wissen, dass es gerade Nomen, Verben, Präpositionen usw. ausspricht, so wie es auch nicht weiß, dass die Sätze, die es spricht, ein Subjekt und Prädikat haben.

Ein Erwachsener wird auch nicht bewusst so sprechen: „Jetzt sage ich ein Verb, jetzt kommt ein Nomen…“ Er spricht einfach.

Wenn wir über die Straße gehen, kalkulieren wir in Bruchteilen von Sekunden, ob wir genug Zeit haben zu überqueren, bevor das Auto, das gerade auf uns zukommt (und dessen Geschwindigkeit wir nicht kennen!). Üblicherweise schaffen wir auch eine gute Schätzung abzugeben, sonst würde sich nie jemand über die Straße wagen. Der Jäger, der einen Hirsch erlegt, erledigt ganz komplizierte Rechnungen im Kopf. Wenn Mathe schwer wäre, würden wir niemals Wild essen können.

Eine Aufgabe, die diese Berechnungen darstellt, sieht mit mathematischen Formeln irrsinnig kompliziert aus. Alleine beim Anblick der Rechnung würde uns ganz schwindlig werden.

Mathe ist für unser Gehirn nicht schwierig; wir rechnen ständig. Nur wenn wir plötzlich aufgehalten werden und das, was wir rechnen, auf Papier aufschreiben sollen, sind wir so wie ein Tausendfüßler, der gerade gefragt wurde, wie er es schafft sich fortzubewegen ohne zu stolpern. Dann stolpern wir, und wir wissen nicht mehr wirklich, wie wir das schaffen.

Nach der Gaußschen Verteilung (=Statistik) wählen die meisten Menschen den gleichen Weg. So können Sachen standardisiert werden, davon lebt die Technik. So sind auch die Schulbücher entstanden, die aber sequenziell zu bearbeiten sind. Doch bei Mathe subtrahieren einige Kinder, bevor sie addieren, einige fangen überhaupt gleich mit dem Dividieren an. Und so wie der Tausendfüßler stolpert und nicht weiter weiß, stockt auch das Kind beim Anblick der Mathe-Aufgabe und sagt: „Uff, schwer“.

Die Reihenfolge ist bei jedem Menschen anders. Wenn jeder die Freiheit hat, das für sich selbst herauszufinden und seine Rechnungswege selbst aufbauen darf, kann jeder ein Mathe-Genie werden.

Mathe ist nicht schwer. Was vielleicht schwer ist, ist den eigenen Weg zu finden, besonders wenn vorgegebene Wege aufgezwungen werden. Wenn wir das wissen, können wir mit einer anderen Perspektive auf die Mathe-Aufgaben herangehen und sie bewältigen.

 Aurora ist eine Homeschool-Mutter aus Wien mit einer Tochter im HU (9J.) und war Referentin auf der Homeschooler-Konferenz 2015


 

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