Ein Buch, das Weichen stellte

 

Ich habe meine Notizen zum Buch von Susan Schaeffer Macauley „Um der Kinder willen“ durchgesehen. Meine Frau meinte damals: „Jetzt weiss ich, worin der Unterschied zwischen einem emotionalen und einem sachlichen Menschen besteht. Du lebst mit dem Buch. Du erlebst Höhen und Tiefen.“ Höhen erlebte ich, als ich unsere Familienandacht 2008 nach Charlotte Mason aus- und umbaute. Erst las ich vor, dann liess ich nacherzählen, manchmal spielen und zum Schluss zeichnen. Damals war ich kurz davor, die eigenen Kinder privat zu unterrichten, mit der Option im Hinterkopf, später einmal weitere Kinder dazu zu nehmen. Das Buch von Francis Schaeffers Tochter, Susan Schaeffer Macauely, sechsfache Mutter und vielfache Grossmutter, hat mich in der Absicht bestärkt, in der eigenen Familie eine Art Bildungsreform durchzuführen. Sieben Jahre später bin ich dankbar, diesen Entscheidungsprozess durchlaufen zu haben. So nahe am Entwicklungs- und Bildungsprozess meiner Söhne dran zu sein, ist eine ungemeine Bereicherung.

Hier sind drei grundsätzliche Aspekte der Erziehungsphilosophie Masons, die uns bei der Entscheidfindung und dann bei der Umsetzung unseres eigenen Lern- und Lebensstiles halfen.

Zwei Bildungs-/Erziehungsstile

Vorab half mir die Gegenüberstellung der Resultate zweier Bildungs- und Erziehungsstile. Schaeffer Macauley beschreibt den Ist-Zustand aus ihrer Wahrnehmung, mit Rückgriff auf Masons Beobachtungen vor 100 Jahren.

  • Gestresste, desinteressierte, rebellierende, unter- und überforderte Schüler sind an der Tagesordnung. (7)
  • Unsere Bildungsstätten sind ein ärmlicher Ersatz für Mütter, Väter und ein Zuhause. (21)
  • In unserer Zeit haben viele Erwachsene auf dieselbe Art Kinder, wie sie eine Waschmaschine oder einen Hund besitzen. (25)
  • Die Kinder werden allzuoft eingeengt, „gepusht“, verplant und dann dazu noch abgelehnt. (32)
  • In unseren Tagen besteht die Gefahr, durch grosse erzieherische Anstrengungen das freie Spiel zu verdrängen. (35, zit. CM, Home Education, 36)
  • Das einzige, was diese lustlosen Augen oftmals fokussieren, ist die Befreiung aus der Kindheit in die frühreife Pubertät. (37)
  • Wir geben den Kindern Unterrichtsbücher mit hübschen Bildchen und „oberflächlichem Geschwätz“ in die Hände. (43, zit. CM, Home Education, S. 176f)
  • Wir zappen mit der Fernbedingung in kurz gefasste Programme hinein und bilden uns ein, die behandelten Themen zu verstehen. (45)
  • Lehren und Schulen sind oft im Druck mit Lehrplänen und/oder Prüfungsanforderungen, deren Ziel es ist, die Kinder wie Zahnrädchen in die Räder unserer Gesellschaft zu zwängen. (68)

Diese Aufzählung deckt sich wahrlich nicht mit manch optimistischem Lehrbuch der Pädagogik. Sehr wohl entspricht es jedoch dem Erleben mancher (resignierten) Lehrkräfte. Es genügt nicht, das Ist-Bild zu skizzieren und Trübsal zu blasen. Wie könnte das Soll-Bild aussehen?

  • Erziehung ist ein generationenübergreifendes Abenteuer. Es geht um Menschen, Kinder, Leben, Realität. (12)
  • Kinder sind wertvolle Freunde und Persönlichkeiten. (16)
  • Das Zuhause ist die wichtigste, elementarste Erziehungsumgebung. (19)
  •  Einzelne Kinder derselben Familie brauchen unterschiedliche Entscheidungen bezüglich des ihnen am besten dienenden Erziehungssystems. (19)
  • Ein solides, erfülltes Familienleben mit einer guten christlichen Lehre kann den Einfluss der säkularen Schule oft mehr als nur ausschalten. (19)
  • Die richtige Einschätzung der Voraussetzungen eines Kindes, welche weder auf seiner Nützlichkeit für die Gesellschaft noch auf dem Standard seiner Umwelt basiert, sondern sich allein an seinen eigenen Kapazitäten und Bedürfnissen orientiert, muss gefunden werden. (19, zit. CM, Towards a Philosophy of Education, S. 65+66)
  • Der “Verstand” ist Instrument seiner Bildung; nicht die Bildung bringt seinen “Verstand” hervor. (zit. ebd. S. 35+36)
  • Mason empfand nie, dass Kinder nicht alt genug wären. (29)
  • Wenn wir versuchen, das Perfekte zu organisieren, lehren wir das Kind eine Unwahrheit. (40)
  • Die Kinder sind hungrig. Sie haben Appetit auf Wissen und neue Erfahrungen. (42)
  • Kinder können Ideen und Prinzipien, seien letzere moralisch oder mechanisch, ebenso schnell und klar auffassen wie wir (vielleicht sogar noch besser). (49, zit. CM, Home Education, S. 229)
  • Es gibt keine andere Bildung als die Selbst-Bildung. (52)
  • Indem ihnen erlaubt wurde, in ihrem eigenen Tempo zu lerenen, waren die von Charlotte Mason unterrichteten Kinder mit dem Stand ihrer Fähigkeiten glücklich. Sie scheiterten nicht oder verpassten nichts. (53)
  • Es gibt kein normales Kind, welches nicht auf richtige Ernährung antwortet. (58)

Evaluationshile I: Die vier Dimensionen der Bildung

Manchmal fragen wir uns: Weshalb lernt das Kind nicht, wenn doch alle Unterlagen verfügbar sind? Die vier Dimensionen von Mason sind für eine Analyse ungemein hilfreich. Oftmals liegt eine Störung der Atmosphäre vor; oder das Kind steht vor einem Schritt in seiner Charakterentwicklung. Manchmal geht es auch um eine neue Art der Beziehungsgestaltung.

1. Education is an Atmosphere (relationale Dimension): Die Atmosphäre ist Grundvoraussetzung zum Lernen.

2. Education is a Discipline (physiologische Dimension): Der Charakter wird durch die Entwicklung guter Gewohnheiten geformt.

3. Education is a Life (spirituelle Dimension): Der Geist des Kindes ist ein lebendiger Organismus, der Ideen aus jedem Lebensbereich aufnimmt und verarbeitet.

4. Education is a Science of Relations: Als geschaffenes Wesen steht das Kind in einem Netz von Beziehungen zu Dingen, Gedanken und Menschen.

Evaluationshilfe II: Bildung als Beziehungsaufbau zu Gott, Menschen und dem Universum

Den vierten Aspekt arbeitet Schaeffer Macauley gründlich aus. Diese Übersicht eignet sich hervorragend für eine Überprüfung der Ausgewogenheit des Bildungs- und Stoffplanes:

a) Gotteskenntnis: Das Kind mit dem allgegenwärtigen Gott in Berührung bringen.

b) Menschsein: Das Kind mit der Menschheit in Kontakt bringen

c) Universum: Das Kind mit seinem Planeten bekannt machen.

Dies sind Fragen, die wir uns immer wieder stellen: Welche Dimension kam im letzten halben Jahr zu kurz? Weshalb? Wie hängt das mit dem Lehrenden und dem Entwicklungsstand der Lernenden zusammen? Wer könnte ergänzen?

 

Hanniel (38) und Anne Catherine (35) unterrichten ihre Kinder, fünf Söhne im Altern von 10, 8, 6, 4 und 2 Jahren, seit 2008. Anne Catherine ist Grundschullehrerin, Hanniel arbeitet Teilzeit als Personalentwickler in einer privaten Spitalgruppe.

Hanniel bloggt auf  http://hanniel.ch/  und ist Verfasser des Buches „Home Education“ (VKW: Bonn 2011).


 

Category: Charlotte Mason | Tags:

One comment on “Ein Buch, das Weichen stellte

  1. […] Zu meinem Artikel zum Buch geht es hier. […]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>