Das Kernstück nach Charlotte Mason: Nacherzählen

 

Zwei weitere Fragen sind mir gestellt worden. Sie betreffenden den für die Bildungsphilosophie von Mason so zentralen Narrativen Ansatz. Es geht um die Gewohnheit, Gelesenes und Gehörtes in eigenen Worten wiederzugeben. Wie „funktioniert“ dieser Ansatz?

  • Wähle Klassiker mit reichen Inhalten.
  • Lies in der Originalsprache. Die Kinder brauchen nicht lange, um mitzukommen.
  • Test: Wenn du unsicher bist, ob ein Buch die Kinder anspricht, dann lies eine Seite vor und achte auf die Reaktionen.
  • Der Text muss für sich sprechen. Füge keine langen Erklärungen an.
  • Bebilderte Bücher sind ein Zusatzgenuss. Wähle Versionen mit guten Illustrationen.
  • Bevor du weiter liest: Lass die Kinder in eigenen Worten die letzte Etappe zusammenfassen. Das bereichert ihren Wortschatz, steigert ihre Konzentration und gibt dir eine Vorstellung davon, was hängen geblieben ist.

Jetzt aber zu den Fragen.

  1. Kinder erzählen, was sie spannend finden und was ihnen gefallen hat. Darf man Kinder unterbrechen und nachfragen?

Zuerst: Eine Erzählkultur muss aufgebaut werden. Ich erfahre dies als Langzeitprojekt. Es braucht einige Monate, bis die Kinder sich ans Nacherzählen gewöhnt haben. Wir merken mit den Jahren, dass die Kinder von sich aus kommen und unaufgefordert erzählen wollen. Dabei erfahre ich mich manchmal als Bremser. Ich löse mich nur ungern aus eigenen Beschäftigungen heraus. Ich muss mich innerlich aufraffen und dem Kind gezielt zuhören. Wenn ich das nicht tue, dann wird es weniger zu mir kommen.

Für die erste Phase des Aufbaus empfehle ich: Beginne mit kurzen Abschnitten. Ganz wichtig ist meine innere Haltung als Erzähler. Die Atmosphäre ist entscheidend: Ungeduld überträgt sich sofort auf den Erzählenden. Dazu rate ich: Lass das Kind auf jeden Fall ausreden. Wenn es fertig ist, schweige noch fünf bis zehn Sekunden still. Vielleicht fügt es dann noch etwas hinzu.

Unterbrechen erlebe ich als ungünstig. Es passiert mir auch immer wieder. Unentbehrlich finde ich jedoch das Nachhaken: „Jetzt habe ich gehört, was du erzählt hast. Was steht sonst noch in der Geschichte?“ Auch hier lasse ich dem Kind Zeit zum Nachdenken. Eine andere Form hört sich so an: „Was müsstest du jemandem erzählen, der den Text noch nicht kennt, damit er die Geschichte versteht?“ Manchmal verknüpfe ich die Zusammenfassung auch mit einer Bewertung des Gehörten: „Was ist deine Lieblingsstelle?“ „Gibt es etwas, das dich am Text gestört hat?“ Eine häufige Antwort darauf ist. „Alles bzw. nichts.“ – „Was besonders?“ Die zweite und dritte Frage erst erschliesst dem Kind und mir den Raum, genauer auszuführen. Fazit: Ich gebe mich selten mit der ersten Antwort zufrieden.

  1. Wie funktioniert das Nacherzählen in der Gruppe?

Die Familie ist der erste Trainingsplatz für Charakterentwicklung. Gegenüber Mitgliedern der eigenen Familie sind wir am offensten, leider oft auch am ungnädigsten. Ich finde es sehr anspruchsvoll, inmitten der Bubenschar dafür zu sorgen, dass einer dem anderen zuhört. Der Wettbewerb unter fünf Söhnen ist gewaltig. Besucher haben mich schon darauf aufmerksam gemacht, dass einer den anderen ins Wort fällt. Das mag eine Schattenseite der ausgeprägten Erzählkultur sein. Ich ziehe überschäumendes, ungeduldiges Berichten einer kalten, teilnahmslosen, wortkargen Umgebung weit vor!

Hier sind einige weitere Möglichkeiten, die ich einsetze, um das Nacherzählen in der Gruppe zu fördern:

  • Ältere lesen den Jüngeren vor; die Jüngeren fassen für die Gruppe zusammen. (Mit der Zeit können die Jüngeren den Älteren zusammenfassen. So werden die grösseren Kinder mit in die Verantwortung genommen.)
  • Verzögertes Nacherzählen: Ich fordere den Bericht nicht sofort ein, sondern in einer günstigen Situation (oft unter vier Augen).
  • Manchmal fragen die Kinder: „Warum musst du das hören? Du weisst es ja schon!“ Meine Antwort: „Es interessiert mich sehr zu hören, was du gehört hast.“
  • Mami liest vor, die Kinder erzählen es Papi oder einer anderen Person, die nicht zugehört hat.
  • Der Jüngste beginnt mit dem Nacherzählen. Die Älteren lassen den Jüngsten ausreden. Sie machen dann ihre eigene Zusammenfassung oder ergänzen.

 

Hanniel (38) und Anne Catherine (35) unterrichten ihre Kinder, fünf Söhne im Altern von 10, 8, 6, 4 und 2 Jahren, seit 2008. Anne Catherine ist Grundschullehrerin, Hanniel arbeitet Teilzeit als Personalentwickler in einer privaten Spitalgruppe.

Hanniel bloggt auf  http://hanniel.ch/  und ist Verfasser des Buches „Home Education“ (VKW: Bonn 2011).


 

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