Lernen in Rumänien (5)

 

2014-05-19 008_Bildgröße ändern

 

Welche Prüfungen müssen die Kinder in der Schweiz am Ende des Jahres bestehen ?

Das ist von Kanton zu Kanton verschieden. In unserem Kanton wurden die Kinder bis und mit letztem Sommer einmal jährlich vom Schulinspektor überprüft. Sie mussten schriftliche Prüfungen schreiben in Deutsch und Mathematik, in der Sachkunde einen Vortrag halten und in allen Fächern ihre Arbeiten zeigen. Auch Englisch wurde überprüft (bis jetzt nur mündlich).

Ab diesem Schuljahr wird es aus Spargründen eine Änderung geben, aber es bleibt weiterhin ein Schulinspektoratsbesuch bestehen, bei dem die Kinder sämtliche Arbeiten und eventuelle Lernzielkontrollen vorweisen müssen.

Auch muss ich jährlich zwei ausführliche Semesterberichte schreiben und Arbeiten der Kinder beilegen, z.B. Fotos der Arbeiten im Fach Gestalten, Aufsätze (Nacherzählungen), Diktate, Mathematiklernkontrollen etc. Alle Arbeiten der Kinder sind von mir korrigiert und mit Kommentaren versehen, aber nicht benotet.

2014-06-15 007_Bildgröße ändern

In Österreich müssen die Kinder in fast jedem Fach den Jahresstoff können. Ist diese Methode in Österreich unter diesen Umständen anwendbar ?

Auf jeden Fall, aber ich denke, es braucht viel Weisheit bei der Planung! Muss ein Kind zum Beispiel über den Wasserkreislauf lernen, kann man ihm ein lebendiges Buch (z.B. Filipp Frosch) vorlesen und nacherzählen lassen. Es wird mehr Spass daran haben und mehr lernen, als wenn es ein Arbeitsblatt zum Thema ausfüllt und danach dieses Arbeitsblatt auswendig lernt. Wenn die Kinder seriös mit den lebendigen Büchern gearbeitet haben und sie nacherzählt haben, ist kein Pauken, kein Auswendiglernen mehr nötig, weil sie den Inhalt und zusammenhängendes Wissen verinnerlicht haben.

Das gleiche gilt für andere Themen, z.B. in Geschichte, Musik, Literatur usw.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass in den oberen Klassen in den Naturwissenschaften mit traditionellen Lehrmitteln gearbeitet werden muss. Das wird in einer CM Bildung aber auch so empfohlen.

Grammatik muss eventuell früher gelernt werden, als es Charlotte Mason empfiehlt, damit die Kinder die Prüfung bestehen. Aber das ist aus meiner Sicht ein Detail, denn dies kann man normalerweise mit drei zehnminütigen Grammatikeinheiten pro Woche abdecken.

Problematisch könnte es werden, wenn von den Kindern bei den jährlichen Überprüfungen verlangt wird, dass sie viele verschiedene Dinge kennen, aber von jedem nur ein paar wenige Fakten. Die CM Methode funktioniert genau umgekehrt: wir beschäftigen uns sehr gründlich und nachhaltig mit den einzelnen Büchern und geniessen es, in ein bestimmtes Thema einzutauchen. Qualität ist uns wichtiger als Quantität. Ein lebendiges Buch über Napoleon zu lesen braucht zum Beispiel mehr Zeit als bloss einen zusammenfassenden Text über ihn in einem Schulbuch. Hier muss man sich etwas einfallen lassen. Eventuell kann man aus einem lebendigen Buch nur einzelne Kapitel auswählen, so dass man mit dem ganzen Stoff durchkommt. Wenn man wirklich nicht auf traditionelle Schulbücher verzichten kann, würde ich die geschlossenen Fragen, die mit einem einzigen kurzen Satz zu beantworten sind, prinzipiell weglassen und stattdessen nach offenen Fragen Ausschau halten. In modernen Lehrmitteln sind bestimmt auch Fragen im Nacherzähl-Stil (Beispiele gibt es hier) enthalten. Darauf würde ich das Schwergewicht legen und diese Fragen wenn nötig noch ausbauen.

Am schönsten wäre es, wenn man mit den Lehrpersonen an der Prüfungsschule eine Abmachung vereinbaren könnte, so dass weniger Themen verlangt würden, über die die Kinder dann aber gründlich Bescheid wissen (für jedes wahre Pädagogenherz ist das doch eine Wohltat!).

Die gute Botschaft ist, dass man einige Dinge, für die normalerweise an der Schule sehr viel Zeit verwendet wird, nicht separat üben muss, zum Beispiel Leseverständnis. Seit wir auf CM umgestellt haben, haben unsere Kinder keine Leseverständnis-Arbeitsblätter mehr ausgefüllt. Bei der Prüfung kamen aber genau solche Aufgaben, doch waren diese für die Kinder immer sehr einfach. Sie sind den Unterricht mit lebendigen Büchern und Nacherzählen gewöhnt, was ein höheres Denkniveau erfordert und grossartige Früchte hervorbringt.

Wenn Kinder nach der CM Methode gelernt haben, können sie am Ende eines Schuljahres über alle gelernten Themen einen langen, sachlichen und detaillierten Bericht geben, ohne dass vorher ein Repetieren oder Einpauken stattgefunden hat. Dies veranschaulicht, was „wahre“ Bildung wirklich ist.

Sicher ist, dass es etwas Mut braucht von uns Eltern, da wir alle von unserer Schulzeit her gewöhnt sind, „auf Prüfungen zu lernen“. Doch je länger man mit der CM Methode arbeitet, umso mehr Vertrauen gewinnt man in den fähigen Verstand der Kinder, der durch die lebendigen Bücher angeregt wird.

 

Y. Lüthi


 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>